Krisen-PR Teil 2: Wiesenhof trennt sich von Fremdfirmenmitarbeitern. War es das etwa schon?


Wie erwartet, hat Wiesenhof nach Ausstrahlung der kritischen ARD-Reportage gestern Abend reagiert und erste Konsequenzen gezogen. Laut einer heute veröffentlichten Pressemitteilung des bekannten Geflügelkonzerns sei der Verstoß gegen Tierschutzvorgaben bei der so genannten Ausstallung (Tiere werden von der Farm abgeholt und zum Schlachhof gebracht) einer Putenfarm durch Mitarbeiter einer externen Firma für Wiesenhof „absolut inakzeptabel“. Die betroffene Fremdfirma sei angewiesen worden, die in der ARD-Doku „identifizierbaren Mitarbeiter“ sofort freizustellen und zu den Ausstallungspraktiken Stellung zu beziehen.

Ansonsten enthält die Pressemitteilung meiner Meinung nach wenig Interessantes. Das typische PR-Geplänkel, frei nach dem Motto: Wir sind die Guten, wir haben alles richtig gemacht – und Schuld haben wenn überhaupt nur die Fremdfirmen. Apropos: Dieser Begriff kommt in der Pressemitteilung meines Erachtens ziemlich oft vor, was nicht gerade für Wiesenhof und seine soziale Verantwortung gegenüber Mensch, Tier und Umwelt sprechen dürfte. Laut ARD-Reportage gehört die Arbeit mit Fremdfirmen zum System Wiesenhof – und macht es durch die Billig-Löhne für ungelernte Arbeitskräfte aus dem Ausland für ein paar Euro die Stunde auch so nur möglich.


Doch zurück zu den Konsequenzen. Trotz Pressemitteilung, Newsroom-Beitrag (gute Google-Platzierung übrigens) und eigenem YouTube-Kanal für die Gegen-Öffentlichkeit geht Wiesenhof meiner Meinung nach nicht weit genug. Warum trennt man sich nur von den Mitarbeitern und nicht von der kompletten Fremdfirma, zumal für eine weitere Geschäftsbeziehung das Vertrauen dahin sein dürfte? Wiesenhof sollte damit beginnen, seine Hausaufgaben zu machen und anfangen, vor der eigenen Haustüre zu kehren und sich selbst an die Nase zu fassen, bevor der Zeigefinger in Richtung Partnerbetriebe und Fremdfirmen geht, die in der Regel von Wiesenhof zu 100 Prozent abhängig und damit Teil des Systems sind. Wo bleibt der versprochene Faktencheck, um die vermeintlichen Vorwürfe in der ARD-Doku zu wiederlegen? Es ist sicherlich sinnvoller, in diese Aufgabe Ressourcen zu investieren als in die Erstellung eines weiteren (nichtssagenden) YouTube-Videos.

Heute Abend wird die ARD-Doku übrigens im SWR-Fernsehen um 23.15 Uhr wiederholt.

Update: Wiesenhof hat vor wenigen Minuten den angekündigten Faktencheck in Form einer Mindmap veröffentlicht.

01. September 2011 von Michael Friedrichs
Kategorien: Medien, Social Media | Schlagwörter: , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Danke für den Hinweis. Link ist entsprechend hinzugefügt.

  2. In der am 31. August ausgestrahlten „ARD-exclusiv“-Dokumentation „Das System Wiesenhof“ werden massive Tierschutz- und Hygienevorwürfe gegen die deutsche Wiesenhof Gruppe erhoben. Wie Recherchen des Schweizer Tierschutz STS ergaben, beliefert Wiesenhof auch den Schweizer Geflügelmarkt. Zu den Abnehmern gehören beispielsweise Aldi, Coop, Denner und Migros

    Die Hühner- und Trutenmast boomt weltweit. Innert dreissig Jahren hat sie sich verfünffacht. Die Missstände bei Wiesenhof sind nur die Spitze des Eisbergs. Man kann davon ausgehen, dass ein Gros des importierten Geflügelfleischs aus Betrieben stammt, die hiesigen Ansprüchen an das Tierwohl in keinster Weise gerecht werden. Von Südostasien bis nach Nord- und Südamerika produzieren Geflügelkonzerne heute in Hallen bis zu 100’000 Masthühnern industriell Poulets und Truten zu konkurrenzlos günstigen Preisen. Zu den Abnehmern gehört auch die Schweiz. 45’000 Tonnen oder 6 Kilogramm pro Einwohner sind es jährlich, wofür umgerechnet etwa 30 Millionen vornehmlich brasilianische, deutsche und französische Tiere ihr Leben lassen müssen.

    Importgüggeli sind billig, die Gewinnmarge für die Importeure interessant. Darüber lässt sich leicht verdrängen, dass mit diesen Tieren zumeist weit herzloser und schonungsloser umgegangen wird als mit Sachen. Auch dass die Billigimporte einheimische, bäuerliche und tierfreundliche Geflügelhalter immer stärker und unfair konkurrenzieren, scheint die Importeure kaum zu kümmern. Deshalb sind die Konsumentinnen und Konsumenten gefordert.

    Verzichten wir konsequent auf importiertes Geflügelfleisch, das nicht den Schweizer Anforderungen entspricht! Wer Geflügelfleisch kaufen soll, soll wenn schon Schweizer Geflügel aus Freilandhaltung kaufen