Imagepolitur im Web 2.0: GEZ lässt Mitarbeiter jetzt bloggen

Nach dem Internetprovider 1&1 (Stichwort: Marcell D’Avis) und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (und viele andere Unternehmen und Organisationen natürlich) will nun auch die Gebühreneinzugszentrale in Köln etwas gegen ihr schlechtes Image unternehmen. Und welche Idee wäre nahe liegender, als der längst überfällige Schritt ins Web 2.0, wo die Kritiker vermutlich am Lautesten und Aktivsten sein dürften.

Also wurde eine PR-Agentur beauftragt, ein Konzept erarbeitet und umgesetzt. Das Ergebnis ist gestern online gegangen.

Liebe Besucherin, lieber Besucher,
herzlich willkommen bei gez-meine-meinung.de! Die GEZ und das Rundfunkgebührensystem liefern einigen Diskussionsstoff. Dessen sind wir uns bewusst und diesem Dialog möchten wir uns stellen.

Auf diesem Portal ist deshalb Ihre Meinung gefragt. Im GEZ-Forum können Sie sich mit anderen Usern über die GEZ und die Rundfunkgebühren austauschen und miteinander diskutieren. Zudem finden Sie in GEZ-Mitarbeiter-Blogs und Expertenchats mehr Informationen zur GEZ sowie zu aktuellen Fragen und Diskussions-Themen.

Mit einer gewissen Erwartung habe ich mir natürlich gleich die Mitarbeiter-Blogs angeschaut. Fünf Stück an der Zahl, wobei die Blogs von Sylvia S. und Conny A. derzeit noch keine Inhalte bieten. Zudem fällt auf, dass alle fünf Mitarbeiterinnen weder mit dem Nachnamen genannt werden noch mit einem Foto in dem Blog auftauchen. Auch ihr konkreter Tätigkeitsbereich bei der GEZ wird mit keinem Wort erwähnt. Schade eigentlich, da die Autoren des Blogs nach eigenem Bekunden großen Wert darauf legen, nicht nur einen Einblick hinter die Kulissen der GEZ zu geben, sondern auch offen, transparent und direkt mit den Lesern kommunizieren zu wollen. Aber schauen wir uns doch mal die ersten Blog-Einträge an.

Anja M. schreibt:

Liebe Leser! Mein erster Blog!

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal einen GEZ-Mitarbeiterblog schreibe.

Als ich 2003 hier angefangen habe, stand das jedenfalls noch in den Sternen.Ich bin in meinem Job täglich in Kontakt mit den Kunden, sowohl in der telefonischen Teilnehmerhotline als auch zuständig für die Beantwortung der eingehenden Briefe, Faxe und Mails.

Es mag vielleicht seltsam klingen, aber es ist ein interessanter, vielseitiger Job, der ganz bestimmt nie langweilig wird!

Ich weiß ganz genau, welche Themen den Rundfunkteilnehmern unter den Nägeln brennen und freue mich, dass wir hier zusammenkommen, um regen Meinungsaustausch zu pflegen und natürlich auch zu diskutieren. Daher hab ich auch sofort „hier“ gerufen, als es darum ging, einen Webblog zu starten.

Als Bloggerin freue ich mich über zahlreiche Anregungen, Lob und auch konstruktive Kritik zu unseren Beiträgen!

Die Lobeshymne auf den eigenen Arbeitgeber kommt bei den meisten Lesern vermutlich nicht so gut an. Ganz anders als beim Chef vermutlich. Statt allgemeinem Blabla wäre es schön zu erfahren, welche konkreten Themen den Rundfunkteilnehmern unter den Nägeln brennen? Welche Erwartungen hat die Jung-Bloggerin an ihren neuen Nebenjob? Wie sehen die nächsten Themen aus?

Ähnlich formuliert auch ihre Kollegin Vera Z. ihren ersten Beitrag:

Nun betrete ich also Neuland… Hallo liebe Besucher des GEZ-Mitarbeiter-Blogs,

ein herzliches Willkommen auf dieser neu eröffneten GEZ Plattform! Ich freue mich über die Gelegenheit, in direkten Kontakt treten zu können, Fragen zu beantworten, Denkanstöße zu geben, zu diskutieren, zu erklären und aufzuzeigen, dass die GEZ eine super Firma ist! Hier arbeiten Menschen, die sich um jeden Brief, jedes Telefonat Gedanken machen und versuchen zu helfen.

Ich selber bin seit fast 4 Jahren hier Mitarbeiterin – und das sehr gerne. Es geht hier nicht nur – wie ich irrtümlich auch erst dachte – darum, den ganzen Tag Gebühren zu buchen. Jedes einzelne Teilnehmerkonto ist anders, jeder Teilnehmer unterschiedlich, kein Brief wie der vorherige. Die Sachverhalte erfordern oft „Sherlock Holmes Qualitäten“.

Alles ist im Wandel, oft gibt es neue Gesetze oder auch Pressemitteilungen, auf die wir reagieren müssen. Und dass die GEZ sich diesem Wandel nicht entzieht, zeigt diese Homepage. Und unser neues Logo. Die uns so gewohnten, typischen Buchstaben und das GEZ-grün weichen einem frischen Schriftzug, neuen Farben und einem entschlossenen Punkt. Mir gefällt das gut, es ist runder, stimmiger, freundlicher.

Über Meinungen und Beiträge zu diesem Thema – und anderen – freue ich mich. Viel Spaß mit diesem Blog und bis bald.

Über die Sherlock-Holmes-Qualitäten habe ich mich köstlich amüsiert. Zeigt es doch, dass ich nicht der Einzige bin, der bei der GEZ den Überblick verloren hat. 😉 Wesentlich besser gefallen hat mir dagegen der Blogeintrag von Daniela K. Hier gibt es keine Lobeshymne auf den Arbeitgeber wie bei ihren beiden Kolleginnen, sondern die Autorin erzählt dem Leser eine nette Geschichte aus ihrem Privatleben – mit GEZ-Bezug natürlich.

Mein Leben mit der GEZ, oder…. „aber du arbeitest doch nicht im Außendienst?“

Ich war am Wochenende auf der Geburtstagsfeier eines Bekannten eingeladen. Das ist für mich immer sehr spannend. Warum? Nun, an solchen Abenden, lernt man neue Leute kennen. Es kam zu folgender Situation:

Auf dem Weg zum Buffet, schnappte ich folgende Satzfetzen auf: „… arbeitet bei der GEZ. Vielleicht fragst du sie mal…?“ Ich dachte nur: „Oh je, das kann dauern…“.

Da kam er auch schon näher. Ein scheinbar netter Kerl, aufgerissene Augen, offener Mund. „Nä, du arbeitest bei der GEZ? Echt jetzt?“ Ich antwortete ihm. „Und du arbeitest dann auch so im Außendienst, und so?“ Ich sagte ihm darauf, dass dies nicht zu meiner Arbeit gehört. „Also bist du nicht so eine von Denen?“ „Mh“, dachte ich, „was meinst du denn jetzt damit?“ Er sagte: „Na ja, halt so eine, die einen kontrolliert und dann die Gebühren aufdrückt.“ „Hm“, okay, dachte ich, „der Hot Dog kann noch warten“.

Es folgte also eine rege Diskussion über die Gebührenpflicht an sich und über die Arbeit der Beauftragten.

Wir diskutierten weiter über Recht und Unrecht im Gebührenrecht. Ich merkte so langsam, dass mein Magen knurrte, mein Glas leer war und ich den Namen meines Gesprächspartners noch nicht kannte. Ich beschloss, das mit dem Namen nachzuholen und stellte mich vor. Er grinste und sagte: „Huch, da waren wir jetzt so vertieft… ich bin übrigens der Lars“. Wir machten uns gemeinsam auf die Suche nach dem Kühlschrank und unterhielten uns noch eine Weile. Es wurde noch ein langer Abend…

Ich hätte nie gedacht, dass mein Job derartiges Interesse bei meinen Mitmenschen wecken könnte. Die geschilderte Situation ist kein Einzelfall. Wenn Ihnen mal auf einer Party der Gesprächsstoff ausgehen sollte, dann diskutieren Sie doch einfach mal über die GEZ. Sie werden überrascht sein.

Man liest sich!
Ihre Daniela

Mein Fazit: Nach eigenen Angaben siehe Pressemitteilung dazu) richtet sich das Angebot insbesondere an jüngere und internetaffine Nutzer, die häufig im Netz surfen, in sozialen Netzwerken unterwegs sind sowie in Foren und Blogs aktiv sind. Dazu passt auch das neue Unternehmenslogo. War der Schriftzug vorher noch deutlich kantiger und dunkelgrüner, erstrahlt das Logo nun in einem sanften Grünton. Zudem wurden die Ecken leicht abgerundet und mit einem entschlossenen Punkt am Ende versehen. Doch was nützt das schönste Logo, wenn das Image im Keller ist. Ein Anfang ist gemacht, das GEZ-Debattenportal ist gestartet. Ob das Angebot von der gewünschten Zielgruppe angenommen wird, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

Allerdings gehört zu einem Mitarbeiter-Blog ein wenig mehr als Lobeshymnen auf den eigenen Arbeitgeber, auch wenn es bisher insgesamt nur drei Beiträge gibt. Die Autoren bleiben (aus Angst vor Kritikern?) weitgehend anonym. Wenn ich Blogs lese, möchte ich gerne wissen, welcher Mensch sich hinter dem Autorennamen versteckt. Sonst brauche ich keine Blogs lesen. Dies schafft Glaubwürdigkeit, Transparenz und Vertrauen. Und genau diese wichtigen Punkte fehlen hier meiner Meinung nach.

02. Februar 2010 von Michael Friedrichs
Kategorien: Internet, Marketing | Schlagwörter: , , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. deine analyse in allen ehren, auf mich wirken diese blogs aber alles andere als authentisch. ich habe eher den verdacht, dass die inhalte nicht aus der feder von mitarbeiterinnen stammen, sondern teil des marketingkonzepts und von der ausführenden agentur kommen. ganz generell scheint die komplette idee auch momentan eher den vollen umfang von gebührenzahlers zorn zu provozieren, was auch irgendwie absehbar war. mal schauen, ob dieses portal lange lebt. die dafür ausgegebenen gebührengelder sind auf jeden fall schon mal futsch.

  2. Dies schafft Glaubwürdigkeit, Transparenz und Vertrauen. Und genau diese wichtigen Punkte fehlen hier meiner Meinung nach.

    Nichts anderes habe ich gesagt. Zugegeben: die Überschrift passt nicht so ganz zum Fazit und bedarf einer Überarbeitung.

  3. jut, dann sinnwa ja einer meinung. alaaf 🙂