Krisen-PR: Wiesenhof nach kritischer ARD-Doku unter Beschuss


Am Mittwochabend zeigte die ARD eine 30 Minuten lange und wenig schmeichelhafte Reportage über das „System Wiesenhof„. Im Mittelpunkt stand/steht der bekannte Geflügelkonzern und der Vorwurf der TV-Journalisten Monika Anthes und Edgar Verheyen, dass das Unternehmen Tiere, Menschen und die Umwelt ausbeuten soll:

Wenn es um Geflügel geht, denken die meisten an Wiesenhof. Dank der Werbung ist die Marke in ganz Deutschland bekannt. […] Oder sieht die Wahrheit dahinter anders aus? Tierschützer kritisieren die Haltungsbedingungen, werfen dem Konzern Tierquälerei vor. Insider sprechen von Mängeln bei der Hygiene, fragwürdigen Arbeitsbedingungen. Anwohner der Mastanlagen beschweren sich über Gestank und Umweltbelastungen. […] Die ARD-Reporter Monika Anthes und Edgar Verheyen haben sich über Wochen mit dem Konzern befasst. Sie sprachen mit Landwirten, die für Wiesenhof gearbeitet haben, und Billigarbeitern, aber auch mit Veterinären, Vertretern von Bürgerinitiativen und dem Konzern selbst. Ihre Fragestellung: Funktioniert das System Wiesenhof nur, weil der Konzern Umwelt, Tiere und Menschen ausbeutet?

Aufgrund der regen Berichterstattung im Vorfeld der Ausstrahlung – Wiesenhof legte unter anderem eine Programmbeschwerde beim SWR ein und verlangte eine außerordentliche Sitzung des Rundfunkrates – habe ich mir die ARD-Reportage natürlich erst recht angeschaut. Mit gemischten Gefühlen, zumal einige Filmsequenzen in der Tat alles andere als appetitlich waren und in mir nicht nur einmal der Wunsch hochkam, ab sofort nie wieder ein Produkt von Wiesenhof zu kaufen und die Marke künftig zu boykottieren.


Inzwischen ist das Thema Wiesenhof auch im Social Web gelandet. Nicht nur auf den einschlägig bekannten Plattformen wie Twitter und Facebook mehren sich die Kommentare über die kritische Doku, sondern auch in diversen Blogs gibt es bereits die ersten Postings. Ganz vorn mit dabei ist der Geflügelkonzern. Wie ich im Handelsblatt gelesen habe, will Wiesenhof der Kritik nun mit einer eigenen Reportage entgegentreten. Der Vorwurf des Konzerns: Das ARD-Team hab einseitig und unfair berichtet. Zudem seien Fehler bei der Recherche gemacht worden. Der Geflügelkonzern habe bereits bei YouTube einen eigenen Kanal eingerichtet, „um den öffentlich-rechtlichen Sender mit den eigenen Waffen zu schlagen“. Neuland für den Geflügelkonzern, wie der Firmengründer im Handelsblatt-Interview betont. Aber wenn sein Unternehmen im Fokus eines solchen Kampagne stehe, hab es nur die Chance, durch Öffentlichkeitsarbeit zu überzeugen.

Auch im hauseigenen Newsroom wird die ARD-Reportage thematisiert. Interessant in diesem Zusammenhang sind die rund 35 Kommentare (Stand 1.9. um 1.30 Uhr) unter dem Newsroom-Beitrag, da hier trotz der späten Stunde noch ein Wiesenhof-Mitarbeiter die Moderation übernommen hat. Zudem arbeitet das Unternehmen bereits an einem Faktencheck, heißt es.

01. September 2011 von Michael Friedrichs
Kategorien: Medien, Social Media | Schlagwörter: , , , , , | 13 Kommentare

Kommentare (13)

  1. Das Vorgehen von Wiesenhof gegen eine Dokumentation der ARD ist schon einmalig. Schon vor der Ausstrahlung der Sendung wurde der Protest organisiert. Hier sieht man die Macht, die unsere Wirtschaftsunternehmen haben um Berichterstattung zu verhindern. Die ARD hat hoffentlich Rückgrat genug um dem standzuhalten.

    Andererseits muss man aber auch mit dem Finger auf den Verbraucher zeigen, der den Dreck von Wiesenhof für rund 3 €uro das Kilo kaufen und nicht auf ordentliche Ware zurückgreifen.

    Bei unseren Nachbarn in Frankreich zahlt der Verbraucher im Supermarkt für ein Brathuhn mindestens 8 € und das sieht man den Vögeln schon im Kühlregal an. Der Deutsche frißt aber nur, was nichts kostet.

    Es ist schon sehr seltsam dann nach dem Tierschutz zu rufen und mit dem Finger auf Wiesenhof zu zeigen. Wir sind ein Land das Zimmermädchen in Luxushotels 2,40 die Stunde bezahlt und alte Mitmenschen in einer Art Käfighaltung mit Fixierung wegsperrt und wundern uns über den Umgang mit Nahrungsmitteln.

    Wie soll denn das Zimmermädchen in Sklavenhaltung sich ein Huhn für 10 € leisten? Warum beschäftigen wir uns mit Hühnern statt mit Menschen?

    Humanität beginnt beim Umgang mit Menschen und führt erst dann zu einem besseren Umgang mit Tieren und Nahrungsmitteln. Wir müssen nicht Wiesenhof boykottieren, sondern die Menschen in die Lage versetzen sich Hühner vom Bauernhof leisten zu können.

    • ist mir ziemlich egal ob einer für 2,40 arbeiten muss. ich will keine tierquälerei! und wer sich kein fleisch leisten kann, soll auch keins kaufen. die tiere müssen nicht billig “ p r o d u z i e r t “ nur damit jeder fleisch essen kann!

      • Schade, eigentlich. Wusstest du, dass die Arbeiter in den Wiesenhof-Zulieferbetrieb für 5.50 € unterwegs sind? Wäre die Mehrheit nicht so gleichgültig wie du, gäbe es sowas nicht. Und nur weil es sowas gibt, ist das „System Wiesenhof“ überhaupt möglich.

        • meinst Du mich? lerne erstmal lesen.
          es ist völlig egal wie viel einer verdient, wer sich kein Fleisch aus artgerechter Haltung leisten kann, kann es sich nicht leisten. Du behauptest ja quasi, das jemand der billigfleisch kauft, sich damit rechtfertigen kann, dass er zuwenig verdient. und genau das ist das Problem dabei. Früher war Fleisch Luxus und Fleisch ist Luxus!!!!! Es wird nur nicht mehr als solcher betrachtet.

  2. Wo läuft denn auf Facebook die Diskussion? Wiesenhof hat doch gar keine Seite dort, oder?

  3. @Ingo: Wiesenhof hat keine eigene Facebook-Seite, aber die Diskussion findet trotzdem statt. Siehe Suche.

  4. die reportage gibts in voller länge in der ard mediathek:
    http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=8068044

    bitte verlinken.

  5. Verstehe ich nicht, wieso nicht den Facebook Link verlinken? Haftung?

  6. Wiesenhof erlaubt auf der eigenen Seite keine Diskussion. Schicke dort mal einen Kommentar (egal ob positiv oder negativ) in die Moderationsschleife. Da siehst Du die Nummer deines Kommentars in der URL. Meiner war u.a. #330 – veröffentlicht wird maximal 1 Drittel. Und das sind die die Kommentare, die Wiesenhof loben, oder (eigene Mitarbeiter?) bzw. „Links“ auf positive Berichte oder Querverweise zu den Wiesenhof Biohühnern etc.

    Eine Facebook Seite hat der deutsche Geflügelproduzent #1 auch nicht. Wozu auch, dort könnten statt „20.000 Gefällt mir“ ja auch 20.000 Tierschützer mobil machen und eine wirklich offene Diskussion ist von Wiesenhof nicht erwünscht.

    Zur Massenhaltung mag man auch stehen wie man will – schließlich gibt der Gesetzgeber bei Hühnern die Möglichkeit 25 Hühner auf 1qm zu halten… aber die immer wieder (seit Jahren!) auftauchenden Videos vom Wiesenhof wie die Tiere geschlagen, geworfen, getreten, gestopft und getötet werden… das alleine ist ein Grund massiv Protest gegen diese Firma einzuleiten.

    Einzelfälle sind das nicht, sondern jahrelange Praxis. Und selbst wenn man Wiesenhof Glauben schenken könnte… wenn sie es jahrelang nicht schaffen so etwas abzustellen sind sie entweder unfähig oder es gehört zur Betriebspraxis.

    Facebook – Suche mal nach Gruppen wie „Wir hassen Wiesenhof“ oder „Boykottiert Wiesenhof“ – und Du wirst schnell fündig.

  7. Mit den Kommentaren habe ich eine ähnliche Vermutung. Auch Trackbacks werden nicht automatisch freigeschaltet, u.a. zu diesem Beitrag. Zu einem anderen (positiven) Beitrag hingegen schon. Absicht? Zufall? Keine Ahnung, seltsam aber jeden Fall.

  8. Nachtrag: die fehlenden Trackbacks sind jetzt freigeschaltet worden. Aber aber lange gedauert 😉

  9. Für mich ist auf jeden Fall klar: KEINE Wiesenhof Produkte kommen mehr auf den Tisch.

    Und @Niedermeyer: Das Zimmermädchen kann sich aussuchen ob es für 2,40 arbeiten geht (was ich ganz sicher NICHT für gut befinden solch Ausbeuterlöhne) aber das Huhn hat keine Chance.

    Das können nur wir Verbraucher ändern – Packen wirs ENDLICH an!